Lesetipp: Absinth mit dem Teufel (Jona Dreyer)

Jona Dreyer: Absinth mit dem Teufel

Faust, aber nicht faustisch

Die Autorin hat sich diesmal viel vorgenommen. Sie schildert die Liebesbeziehung des jungen Buchhändlers David Rowbotham zum psychisch kranken Schriftsteller Jon Askil Fjallgren, ein Ansatz, der sehr viele Möglichkeiten eröffnet, von denen sie manche auch souverän nutzt. In dieser Gay Novel findet sich alles, was man an Jona Dreyer kennt und schätzt: ein großer Altersunterschied und Machtgefälle der Partner, statt zuckriger Romance Konflikte und mentale Herausforderungen für das Liebespaar und wie in den meisten ihrer Romanen eine Metabotschaft.

Die Stärke der Autorin liegt in der Anlage der Figuren. Nach ihrem eigenen Bekunden hegt sie eine Vorliebe für kaputte Helden, und kaputt ist Fjallgren ohne Frage. Schon früh wird klar, dass er nicht einfach verschroben ist, sondern eine psychische Erkrankung hinter seinem Verhalten steckt. Dachte ich zunächst noch an schwere Depressionen, erfährt man sehr bald, dass ihm bereits in der Kindheit massive seelische Verletzungen zugefügt wurden. Verletzungen, die einen Teufelskreislauf in Gang setzten, in dem die Reaktionen seiner Psyche mit weiteren Verletzungen bestraft wurden. Das volle Ausmaß dieser Qualen und den Grund für seine von Paranoia geprägte Einsiedelei enthüllt Fjallgren im zweiten Teil des Romans. Die Autorin balanciert gekonnt auf dem schmalen Grad zwischen Opfer und Schuld, stets stehen die Misshandlungen, denen Fjallgren ausgesetzt war, in Zusammenhang mit seinen eigenen Taten. Darin liegt die Meisterschaft dieser Figurenkonzeption: Fjallgren ist so stark und bereit, sich seiner vermeintlichen Schuld zu stellen, dass nicht nur die anderen Mitspieler, sondern auch er selbst übersehen, dass er in Wahrheit das Opfer ist.

Wer es nicht übersieht, sind der durch die Erzählung deutlich beeinflusste Leser und David. Die Sympathie der Autorin gilt zweifellos Fjallgren, und sie unternimmt alles, um ihn für uns durch Davids Augen ins rechte Licht zu rücken. David gehört meistens die Perspektive, nur gelegentlich wird sie durch Fjallgrens Gedanken ergänzt. David bricht in seiner behutsamen, warmherzigen und selbstlosen Art das Eis und dringt zum wahren Fjallgren durch. David ist sympathisch durch und durch, fast schon zu gut um wahr zu sein, wie auch Fjallgren mehrfach feststellt. Sein Idealismus passt zu seinem jungen Alter, doch in Summe agiert er beinahe zu reif. Den Altersunterschied nehme ich zur Kenntnis, doch ich spüre ihn nur bedingt.

Die Erzählung bleibt eng an den beiden Liebhabern, nur wenige andere Figuren tauchen auf. Immer sehr sparsam, immer nur als Nebenfiguren, Typen und Stichwortgeber. Ihre einzige Aufgabe ist es, die beiden Hauptfiguren zu zeichnen. Dadurch gewinnt der Roman etwas sehr Intimes. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die beiden zueinanderfinden und sich schrittweise aufeinander einlassen. Auf stille aber sehr überzeugende, glaubhafte und plausibel entwickelte Weise erzählt die Autorin den Beginn einer Beziehung, einen Beginn, der sich über mehrere Monate erstreckt.

Hätte der Roman mit dem Zusammenfinden des Paares geendet, hätte ich ihm vermutlich fünf Sterne gegeben, doch die zweite Hälfte fällt leider merklich gegen die erste ab. Schien die Verkettung der Szenen vorhin fast zwingend, wirkt sie jetzt ein wenig beliebig und der Spannungsbogen flacht nicht nur ab, sondern zerfasert sogar. Nichts gegen eine Idylle am Ende eines Liebesromans, doch hier ist es zu viel des Guten. Die psychische Erkrankung wirkt allein durch die Liebe fast geheilt, so einfach wird es wohl doch nicht sein. Es wäre spannend gewesen, hier einen Schnitt zu machen und im zweiten Band das schwierige Zusammenleben mit einem psychisch Kranken darzustellen. So reihen sich Alltags- und inflationäre Sexszenen ohne triftigen Grund aneinander.

Apropos Sexszenen: Hier hat Jona Dreyer zwar deutliche Fortschritte gemacht, die Szenen sind nun kompakter und haben eine gewisse Dramaturgie, doch mir fehlt immer noch das Gefühl darin. Es wirkt, als würde ich mir einen Porno ansehen. Technisch detailliert, die Dinge beim Namen genannt und gezeigt, aber kein sinnliches Erleben geschweige denn ein emotionales.

Was hat es nun mit dem Faust auf sich? Goethes „Faust“ spielt in Fjallgrens Leben eine wichtige Rolle und der Roman ist gespickt mit Zitaten aus dem „Faust“. Für mich stellt sich die Frage nach dem Warum. Der Teufel kommt zwar nicht nur im Titel, sondern auch im Roman immer wieder ins Spiel, doch mit „Faust“ hat das wenig zu tun. Fjallgren ist weder ein durchtriebener Mephisto, noch ein suchender Faust, der Roman thematisiert weder die Verführung durch oder den Pakt mit dem Teufel noch ist er eine Wissenschaftssatire. Man kann „Faust“ nicht einmal als Folie bezeichnen, er ist allenfalls Requisite. So wie eine historische Kulisse ein Historical ausmacht, aber keinen historischen Roman. Den „Faust“ mit Fjallgrens Geschichte zu verweben, ist ambitioniert, geht aber nicht wirklich auf. In meine Sternebewertung ließ ich es bewusst nicht einfließen, weil mir „Absinth mit dem Teufel“ trotz allem als Unterhaltungsroman erscheinen will und nicht als hohe Literatur.

Und für einen Unterhaltungsroman und eine Gay Novel leistet Jona Dreyer Beachtliches. Nur wenige in diesem Genre handhaben die Sprache so gekonnt wie sie. Sie findet Bilder und Metaphern, die einen vor Neid erblassen lassen, und obwohl ich normalerweise schnellere, handlungsreiche Texte vorziehe, lese ich ihre Romane einfach gerne. Wer in die Tiefe gehen will, wer komplizierte Charaktere mag und sich auf den Prozess einer beginnenden Liebe einlassen und eine überdurchschnittliche Sprache genießen will, ist mit „Absinth mit dem Teufel“ auf jeden Fall gut beraten!

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2018-05-17T22:42:07+00:00