Leone. Der Background eines Erzschurken

Leone. Der Background eines Erzschurken

Wolltest du immer schon wissen, warum etwas bei der einen Figur völlig authentisch wirkt, während dieselben Dialoge und Handlungen bei einer anderen nur aufgesetzt wären? Die Antwort liegt in der Backstory. Von der zeige ich dir im Roman nur die Ausschnitte, die für die Handlung relevant sind. Aber der Rest ist dennoch wichtig, damit die Charaktere wirken, als könnten sie dir jederzeit begegnen. Soll ich dir zeigen, wie ich den Background eines Erzschurken anlege?

Zumindest einmal im Jahr nehme ich an einer Figurenchallenge teil. Die Veranstalterin stellt Fragen, die unsere Figuren beantworten müssen. Die Antworten gebe ich jeden Tag spontan, ohne Planung, ohne Überarbeitung. Du kannst mir also beim Schreiben über die Schulter schauen und erhältst so einen ungeschönten Blick in meine Schreibwerkstatt und hinter die Kulissen.

Bitte stell dich vor

Welchen Namen wollt ihr hören? Meine Mutter nannte mich in ihrer Frömmlerei Francesco, nach dem Heiligen von Assisi. Mit niemandem habe ich weniger gemein als mit diesem Träumer, der seinen Reichtum den Armen gab und einen Orden mit ähnlichen Spinnern gründete. Mein Vater ließ sie gewähren, wusste er doch, dass ein weit mächtigerer Orden mir meinen wahren Namen geben würde.

Über Macht und Qualität dieses Ordens sprechen wir noch. Die züngelnden Missgeburten können mich hinauswerfen, aber den Namen lasse ich mir nicht nehmen. Selbst Riccardo, der aristokratische Hundesohn, dem sie so blind hinterherkriechen, ruft mich noch bei meinem Kriegernamen. Nennt mich Leone und erfahrt die wahre Geschichte.

Wie und wo bist du aufgewachsen?

In Neapel, mit einem Fuß im Himmel, mit dem anderen in der Hölle. Meiner Mutter ist der verfluchte Himmel sicher, denn ein Bettler musste nur den Kopf schief legen, damit sie ihn mit Almosen überhäufte. Je hilfsbedürftiger sie waren, desto mehr hasste ich diese Gestalten. Die Armen sind nicht ohne Grund arm, sie pflegen ihre Schwäche gehörig, weil sie von ihr profitieren.

Mein Vater war zum Glück nicht so rührselig, er machte mich schon als kleinen Jungen mit der Hölle bekannt. Erzählt haben wir meiner Mutter von den Schlangen nichts und das Gold, das er nach Hause brachte, horteten wir in einem guten Versteck. Hätte sie nicht jeden Dukaten den Armen in den Schoß geworfen, wären wir zu solidem Wohlstand und Ansehen gekommen.

Gehungert habe ich nicht, trotzdem machte ich Neapels Gassen unsicher. Die anderen Jungen hatten Respekt vor mir, denn auf der Straße zählt nur das Gesetz der Stärke. Das ist auch der Grund, warum mein Vater diesen Lebenswandel förderte. Die Betstunden ließ er mich schwänzen, aber in die Schule musste ich trotzdem. Ein Schlangenkrieger muss zumindest lesen und schreiben können.

Wofür konntest du dich als Kind so richtig begeistern?

Für den Vulkan, ich kenne den Vesuv wie meine Westentasche. Wenn mir danach war, verdiente ich mir ein paar Münzen, indem ich die jungen Kavaliere und ihre Begleiter zum Krater führte – der Aufstieg gehört zur Grand Tour –, aber meistens wich ich ihnen aus und kletterte auf den Hängen herum, um meine Ruhe zu haben. Während die Erwachsenen bei einem Erdbeben sofort in Sorge und Hektik verfallen, fand ich das Rütteln der Erde lustig. Zumindest als Kind.

Auf einem meiner Ausflüge fing ich Bruno, meinen Gecko. Ich nahm ihn mit, und von da an lebte er auf einem Ast in meinem Zimmer. Ich konnte ihn stundenlang beobachten! Geckos sind vor allem in der Nacht aktiv, und während andere tief schliefen, saß ich mit einem Talglicht da und sah ihm zu. Wahrscheinlich haltet ihr mich jetzt für einen kindischen Idioten, aber ich redete sogar mit ihm. Zu meiner Rechtfertigung kann ich sagen, dass ich erst zehn war. Verstanden hat er mich wahrscheinlich nicht, doch durch ihn lernte ich Geduld.

An welche Ereignisse in deiner Kindheit erinnerst du dich besonders?

Ein Kind war ich nicht mehr wirklich, sondern bereits ein Bursche in den Flegeljahren. Es war 1760, und Neapel bereitete sich auf Weihnachten vor. Auch wir feierten Weihnachten, meine fromme Mutter hätte nichts anderes zugelassen. Doch in diesem Jahr wurde il Christo von il Vesuvio überschattet. Eine Rauchsäule türmte sich vom Krater in den Himmel, und ein breiter Lavastrom wälzte sich den Berg hinunter. Über dem brennenden Strom ballte sich der beißende Rauch und verpestete die Luft ebenso wie das glühende Gestein die Erde.

Es war keine große Eruption wie die, die Pompej vernichtet hatte, und wie viele andere gingen auch wir, um das Spektakel anzusehen. Es war mein erster Blick auf die Hölle, und obwohl ich mein Taschentuch auf Mund und Nase pressen musste, um halbwegs atmen zu können, konnte ich meinen Blick nicht von dieser faszinierenden Gewalt wenden. Ein beinahe lustvoller Schauder rieselte mir den Rücken hinunter, das war wahre Macht! Wann immer ich ein Haus in Brand stecke, sauge ich den Anblick der lodernden Flammen ein und denke zurück an diese Tage.

(Anmerkung Autorin: Der Ausbruch dauerte vom 23.12.1760 bis zum 5.1.1761)

Erinnerst du sich an besondere Traditionen in deiner Familie?

Ich komme aus Neapel, da gibt es genügend Traditionen. Sie haben entweder mit der Kirche zu tun oder mit dem Essen, oft auch mit beidem, denn zu feiern verstehen wir. Nehmen wir das Fest von San Gennaro, das am 19. September stattfindet. Er ist der Schutzpatron der Stadt.

Zunächst findet eine Prozession statt, die silberne Büste San Gennaros wird voran getragen, dahinter die von etlichen anderen Heiligen. Wir applaudieren unseren Lieblingsheiligen, damit sie nächstes Jahr einen Platz möglichst vorne einnehmen. Wenn ich wir sage, meine ich damit die Bewohner Neapels, aber nicht mich. Meine Mutter schleifte uns hin, und was sich im Dom abspielt, kann mit jeder Schlangenzeremonie mühelos mithalten.

Der Abate del tesoro zeigt die Phiole, dreht und präsentiert sie dem Volk. Unter immer ekstatischeren Gebeten wird das Blutwunder herbeigesehnt. Verflüssigt sich San Gennaros Blut, beginnen die Domglocken zu läuten, die Leute applaudieren frenetisch und drängen zum Altar, um die Phiole zu küssen. Das Blutwunder bedeutet Glück für Neapel, doch wehe, es bleibt aus. Dann ist die Katastrophe gewiss.

Als kleiner Junge mochte ich das Fest vor allem wegen der Torrone, später versuchte ich, den Trick hinter dem Blutwunder zu durchschauen. Vom Fieberwahn der Volksfrömmigkeit bin ich schon dank meines Vaters verschont geblieben. Es ist besser, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Gab es zu Hause besondere Gegenstände, an die du dich erinnerst?

Das Kruzifix meiner Mutter und das Weihwasserschälchen neben der Tür. (Leone lacht verächtlich) Nein im Ernst, da gab es etwas viel Wichtigeres. Natürlich bewahrte mein Vater seinen Ring nicht in der Schublade auf, sondern in einem guten Versteck. Die vierfach gewundene Giftschlange, das Zeichen der Schlangenkrieger, durfte niemand zu Gesicht bekommen. Sein Mantel mit den Insignien war unter einem Dielenbrett verborgen. Ihr fragt euch, warum ich das so freimütig erzähle? Weil sie die Mäntel verbrannten und die Ringe zerschlugen, nachdem Riccardo uns verraten hatte, den meines Vaters und meinen. Aufhalten kann mich das freilich nicht. Ich stahl ein Schriftstück und nahm das Siegel davon ab, um mir ein neues Petschaft herzustellen. Gerade sie sollten eigentlich wissen, wie sich ein Schlangenkrieger zu helfen versteht.

Was hast du von deinen Eltern gelernt?

Vom Tag meiner Geburt an war beschlossene Sache, dass ich meinem Vater folge und im Schlangenorden den Platz einnehmen werde, der meiner Familie seit Generationen zusteht. Alles, was er tat, sollte mich auf meinen Beruf als Schlangenkrieger vorbereiten. Von Kindesbeinen an lernte ich zu reiten und zu fechten, auf alle erdenkliche Weisen zu kämpfen und meinen Körper aufs Äußerste zu fordern. In der Schule lernte ich wie die anderen Jungen Mathematik, in den Stunden mit meinem Vater hingegen wandte ich sie an, um Codes zu dechiffrieren. Er lehrte mich, auch die kleinste Spur zu lesen und die Geheimnisse anderer zu erforschen. Ich ritt schon als Dreikäsehoch wie der Teufel, besiegte mit dem Degen erwachsene Gegner und war erfinderischer als die ausgebufftesten Halunken. Mein Vater war mein erster Meister der Schlangen, lange bevor ich in den Orden eintrat.

Was vermisst du daran, ein Kind zu sein?

Wer sagt, dass ich irgendwas daran vermisse? Der einzige Vorteil, den die Kindheit hatte, ist meine Unwissenheit. Meine Unwissenheit, dass sie mir den schlechteren Schlangenkrieger vor die Nase setzen würden. Und meine Unwissenheit, dass mich mein ach so ehrenhafter aber karrierebesessener Waffenbruder verraten würde, um meinen rechtmäßigen Platz im Rat selbst einzunehmen.

Wie hast du zu deinem Beruf gefunden? Welchen Beruf würdest du heute ausüben, wenn du noch einmal neu anfangen könntest?

Ein Schlangenkrieger findet nicht zu seinem Beruf, sondern er wird von anderen Schlangenkriegern lange und sorgfältig beobachtet und schlussendlich dafür vorgeschlagen. In meinem Fall stand mit meiner Geburt als gesunder Junge fest, dass ich diesen Weg einschlage. Daran würde ich auch nichts ändern wollen, es ist ein guter Beruf. Wenn ich noch einmal neu anfangen könnte? Dann würde ich einen gewissen Waffenbruder von Anfang an besser im Auge behalten. Obwohl ich ihm körperlich in jeder Disziplin überlegen bin, machten sie in ihrer Gier nach Macht nicht den besseren, sondern den gesellschaftlich begünstigten Mann zum Vorgesetzten.

Womit wir bei meinem zweiten Beruf wären. Nach Riccardos Verrat warfen sie mich aus dem Orden, seitdem bin ich ein Condottiere und spioniere für den, der am besten zahlt. Ich lebe ein freies, ungebundenes Leben, fernab von Gehorsam und Zwang. Auch daran würde ich nichts ändern, wenn ich ein zweites Mal vor der Wahl stünde.

Bist du noch mit Personen aus deiner Kindheit befreundet? Oder anders gefragt: Wie lange und woher kennst du deine besten Freunde?

Mit den Straßenjungen Neapels? Befreundet wäre zu viel gesagt. Wir grüßen uns, wenn wir uns sehen. Was äußerst selten vorkommt, weil ich mich nicht oft in Neapel aufhalte. Schlangenkrieger sind nicht sesshaft, sie müssen dorthin, wo sie gebraucht werden. Das wäre anders, wenn ich Ratsmitglied geworden wäre, denn die Aufgaben meines Vaters erlaubten ihm, weitgehend bei uns zu sein. Er hatte den Süden Italiens im Auge und musste nur zu den halbjährlichen Ratssitzungen auf die Ordensburg.
(Er sinniert vor sich hin und schüttelt schließlich entschieden den Kopf)
Nein, wahrscheinlich wäre es doch nicht anders. Sieh dir Riccardo an, der besetzt jetzt den Platz meiner Familie und reist trotzdem ständig durch Europa. Riccardo und ich, wir sind aus demselben Holz geschnitzt. Kindheitsfreunde haben in unseren Leben keinen Platz.

Wer steht dir in deinem Leben nahe? Mit wem sprichst du über Probleme?

Mit wem ich über Probleme spreche? Mit mir selbst. Im Orden ermunterten sie uns zwar, uns mit unseren Waffenbrüdern auszutauschen, doch in Wahrheit diente das unserer gegenseitigen Bespitzelung. Das wird nicht einmal Riccardo leugnen. Wir sollten Berichte übereinander abfassen und dadurch Menschenbeobachtung üben. Natürlich lasen die Meister diese Berichte und waren dadurch über jeden einzelnen von uns bestens im Bilde. Es war klüger, mich niemandem im Orden anzuvertrauen. Das fiel mir nicht schwer, denn ich war schon immer ein Einzelgänger und machte die Dinge mit mir selbst aus. Die einzige Ausnahme war mein Vater, ihm vertraute ich vollkommen, und er hat mich niemals enttäuscht. Er war nicht nur mein erster Meister, sondern mein Mentor und wusste immer Rat.

Wie würdest du deine Freunde beschreiben?

Überhaupt nicht. Habe ich nicht klar und deutlich gesagt, dass ich ein Einzelgänger bin? Aber wenn hier unbedingt so etwas wie Gefährten konstruiert werden soll, meinetwegen. Zumindest zeitweise hatte ich ja welche. Die Straßenjungen Neapels waren bitterarm, aber gewitzt. Flink und oft auch brutal, um zu überleben. Ich werde jetzt nicht jeden einzelnen aufzählen. Die Schlangenkrieger sind mutig und verwegen. Allesamt exzellente Kämpfer, wobei … es gibt auch eine Ausnahme. Wie der es zur Weihe geschafft hat, ist mir ein Rätsel, er stammt aber auch nicht aus unserem Zweig. Wir gehörten zur Elite unseres Jahrgangs. Ein bunt gemischter Haufen, von Federigo, dem Sohn eines Hufschmieds bis hin zu Riccardo, dem gebildeten Adelsspross. Rohe Gewalt allein reicht allerdings nicht für einen Schlangenkrieger. Wir sind skrupellos und stark, denn mit Memmen kann man keine Schattenherrschaft errichten. Aber auch aufopferungsfähig, der Tod bereitet uns keine Angst. Manipulativ und intrigant, aber das wisst ihr bereits.

Wie gut kannst du Geheimnisse für dich behalten?

Was für eine Frage! Ich bin Schlangenkrieger, das sagt genug. Unsere Aufgabe ist es, Geheimnisse aufzudecken, um die Macht des Ordens auszubauen und den Schutz seiner Mitglieder sicherzustellen. Die Geheimnisse des Ordens bewahrt jede Schlange, das ist das Wesen eines Geheimbundes. Manchen fällt das schwer, doch ich selbst hatte damit nie Mühe.

Seit sie mich hinausgeworfen haben, entscheide ich allerdings selbst, wie ich mit den Geheimnissen umgehe. Ich kann sie nach wie vor sehr gut hüten, ob ich es auch tatsächlich tue, hängt von meinen Zielen und meiner Taktik ab. Geheimnisse sind Macht und sie sind Waffen. Beides setze ich kalkuliert und zielgerichtet ein.

Was denken andere Menschen über dich, was aber gar nicht stimmt?

Riccardo hat dafür gesorgt, dass mich alle für einen Verräter halten. Dass ich Mitglieder des Ordens für Geld verkaufte. Niemand hat sich die Mühe gemacht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, sie wollten nur möglichst schnell den Rat von meiner Familie säubern. Jetzt, wo ich an ihrer Meinung ohnehin nichts mehr ändern kann, kann ich genauso gut tun, was sie mir so bereitwillig unterstellten.

Man hält mich für skrupellos und böse. Skrupellos ist jeder, der im Orden aufsteigt, und böse verwechseln sie mit stark. Manche hier in der Challenge meinen, dass ich meine Opferrolle zelebriere. Das tue ich nicht. Wenn ich etwas zelebriere, dann ist es meine Rache an Riccardo und seinem heißgeliebten Orden, der meine Verdienste sehr schnell vergaß.

Wenn dich an einem anderen Menschen etwas stört, sprichst du es dann direkt an und wie gehst du selbst mit Kritik um?

Mit meiner Meinung halte ich höchstens aus taktischen Gründen hinterm Berg, ansonsten sage ich anderen ins Gesicht, was ich von ihnen halte. Ich stehe zu meiner Kritik und bin Manns genug, sie anderen ins Gesicht zu sagen. Das, was ihr heutzutage Gutmenschen nennt, regt mich fürchterlich auf, und wenn jemand zum Phrasendreschen anfängt, fahre ich ihm in die Parade. Aber das wisst ihr längst, wenn ihr diese Challenge aufmerksam verfolgt.

Richtet sich Kritik gegen mich, hinterfrage ich zunächst, aus welcher Ecke sie kommt. Niemand perfektioniert seine Anlagen, wenn er sich gegen Kritik taub stellt, die Meister wissen sehr wohl, wovon sie reden. Während meiner Ausbildung horchte ich sehr genau zu und lernte, lernte, lernte. Wies mich Riccardo auf Mängel in meiner Kampftechnik hin, wurmte es mich zwar, dass er sie entdeckt hatte, doch ich schloss die Lücke. Das gilt ebenso für die Zeit unserer gemeinsamen Einsätze als auch für die Periode, in der er mir vor die Nase gesetzt wurde. Ich würde heute noch auf ihn hören, nur behält er seine Erkenntnisse jetzt für sich. Ich würde es an seiner Stelle nicht anders machen. Moralinsaures Gerede höre ich mir allerdings nicht an, vor allem dann nicht, wenn der Moraltrompeter selbst Dreck am Stecken hat.

Wann war dir zum letzten Mal etwas richtig peinlich und wie bist du mit dieser Situation umgegangen?

Wenn mir etwas peinlich ist, lasse ich es mir nicht anmerken, um mich nicht verletzlich zu machen. Es wäre also alles andere als klug, diese Frage zu beantworten. Ihr könnt euch vorstellen, dass mein Hinauswurf bei den Schlangen peinlich war, also kehre ich den Spieß um und genieße meine Rache.

Was ist das Kitschigste, das du jemals gemacht hast – für dich allein oder für jemand anderen?

Ich habe Bruno begraben, unter dem Zitronenbaum in unserem Garten, mit allen Ehren und einer würdevollen Zeremonie. Ihr erinnert euch, den Gecko. Kitschig war es vor allem, weil ich damals bereits ein hartgesottener Schlangenkrieger war.

Was war das schlimmste Geschenk, das dir jemals jemand gemacht hat?

Abgesehen von meinem Vornamen, den meine Mutter mir verpasst hat? Ein Medaillon mit meinem Namenspatron. Wer will schon Francesco di Assisi um den Hals tragen?

Wie verhältst du dich, wenn dir jemand richtig gut gefällt?

Ist hier das schwache Geschlecht gemeint? Gehört sie zu den Schlangen, enthülle ich bei passender Gelegenheit das Brandzeichen. Schlangenkrieger stehen bei der Weiblichkeit sehr hoch im Kurs, für sie sind wir die edlen Ritter des Ordens. In Wahrheit trifft edel bei weitem nicht auf die Mehrheit von uns zu, doch das Bild geben nicht wir vor, sondern sie schaffen es sich in ihren Köpfen. Unser Ornat mag dabei eine gewisse Rolle spielen, doch vor allem entsteht es durch unser Auftreten. Warum sollten wir ihnen nicht die Freude machen, die Aufmerksamkeit eines Schlangenkriegers zu gewinnen? Sie macht es glücklich und alle Beteiligten haben schöne Tage, bis wir weiterziehen.

Ist sie keine Schlange, biete ich ihr meinen Schutz an. Eine starke Schulter. Dass ihr von mir wenig haltet, ist mir bewusst und es lässt mich kalt. Aber eines will ich doch klarstellen. Im Gegensatz zu einem gewissen Herzog habe ich nie eine Frau gegen ihren Willen genommen. Ich bin ein Mann, kein Tier.

Hast du schon einmal einen richtig klischeehaften Anmachspruch erlebt? Welcher ist das gewesen?

Habt ihr keine besseren Fragen? Klischeehafte Anmachsprüche erleben wir doch ständig, dazu muss man nur eine Taverne betreten. Die faszierenden Augen gewinnen wohl das Rennen. Sehr oft hört man auch, dass die Schankmagd doch viel zu gut für diese Spelunke sei oder dass einen die Schönheit der Maid blende. Die Schönheit ist im Übrigen meist genauso klischeehaft wie die Sprüche, also gleicht es sich wieder aus. Wie? Ihr meint, ob ich selbst einmal einem klischeehaften Anmachspruch ausgesetzt war? ‚Ihr seid so stark‘ höre ich oft. Die häufigste Einleitung ist jedoch ‚Ihr wirkt einsam‘ oder ‚Seid Ihr neu in der Stadt?‘ Ich bin nicht auf der Suche nach Liebe, also stören mich solche Sprüche auch nicht.

Welche drei Eigenschaften beschreiben dich am besten?

Stärke. Damit mit meine ich nicht nur die körperliche Kraft, sondern auch meine mentale Stärke. Mich kann man nicht so leicht brechen.
Eigenwilligkeit. Ich halte mich nicht an Regeln, sondern tue, was mich zum Ziel führt. Auf Hierarchien gebe ich ebenso wenig wie auf die Ständeordnung.
Skrupellosigkeit. Ich belaste mich nicht mit Gewissensbissen. Moral wurde erfunden, um die Mächtigen an der Macht und die Kleinen klein zu halten, selbst wenn die aufgrund ihrer Anlagen weit überlegen wären.

Wo siehst du deine Stärken? Wo deine Schwächen?

Meine Stärken sind vor allem körperlicher Natur. Ich bin exzellent im Fechten, der Einzige, der in der Lage ist, Riccardo mit dem Degen zu besiegen. Das will schon etwas heißen, denn jetzt, wo ich aus dem Orden geworfen wurde, ist er der beste Fechter der Schlangen. Dass er reitet wie der Teufel, ist ebenfalls bekannt, doch ich schlage ihn. Absolute Furchtlosigkeit ist eine weitere Stärke. Ich habe nichts zu verlieren.
 
Meine größte Schwäche ist mein Stand. Ich wurde nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren und genieße weder einen Titel noch die hohe Bildung wie er. Fürsten bezahlen mich als Handlanger, als Spion und um die schmutzigen Geschäfte zu erledigen, doch einflüstern lassen sie sich von einem Bürgerlichen nichts. Das ist auch der eigentliche Grund, warum die Schlangen Riccardo mir vorgezogen haben. Intrigen können wir beide spinnen, doch ihm stehen die Höfe offen. Wenn ihr nun erwartet, dass ich euch meine persönlichen oder gar tödlichen Schwächen verrate, seid ihr hoffnungslose Träumer. Die Schlangen verfolgen diese Beiträge genau, und ich mag zwar furchtlos sein, aber nicht lebensmüde.

Was ist deine schönste Erinnerung? Was deine Schlimmste?

Ich erinnere mich an den Tag, als wäre er gestern gewesen. Wir waren zu viert, die anderen acht hatten die Ausbildung nicht geschafft. Wir vier sind durch Blut und Tränen gewatet, unserem eigenen wohlgemerkt. Wir sind wiederholt über die Grenzen des Erträglichen hinausgegangen, wurden von unseren Meistern auseinandergenommen und wieder zusammengeflickt. Zuletzt hatten wir einen ganzen Mond lang streng gefastet, doch unsere Augen strahlten reiner und unsere Sinne waren geschärfter denn je. In der Neumondnacht schritten wir über den Burghof, über uns ein Meer an Sternen, die uns den Weg leuchteten. Uns stand die Welt offen und der Weg in den mächtigen Bund. Die Türen zur Halle öffneten sich, und wir zogen durch ein Spalier von vierundzwanzig hochrangigen Schlangenkriegern ein. Warm und stolz ruhte der Blick meines Vaters auf mir, unbändiger Stolz und überwältigende Liebe überfluteten mich selbst, als ich in seiner Gegenwart zum Schlangenkrieger geweiht wurde. In dieser Nacht waren wir völlig eins.

Auch den anderen Tag werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Die starre Miene meines Vaters, als er den Ratssaal verließ. Ohne den Ring, ohne Zeremonienmantel. Fast rasend suchte ich seinen Blick, bestürmte ihn stumm zu verneinen, was ich bereits an seinem Gang ablesen konnte. Er wich dem meinen aus, die Augen zu Boden gerichtet. Seite an Seite verließen wir die Burg, die Wörter, die wir wechselten, lassen sich an zwei Händen abzählen. Wir aßen nicht einmal zu Abend, mein Vater wollte allein sein. Am nächsten Morgen klopfte ich vergeblich, verschaffte mir mit dem Dietrich Zugang zu seinem Zimmer. Und fand seinen Leichnam am Fensterkreuz baumelnd. Er hatte nicht einmal den Degen genommen, um seinem Leben ein Ende zu bereiten.

Welche Dinge oder Gedanken bereiten dir am meisten Angst?

(Leone lacht, wird aber gleich darauf sehr ernst.)

Ich wäre nicht sonderlich gut beraten, wenn ich die hier breittrete. Mit den Ängsten kann man nämlich wunderbar spielen, sie sind oftmals viel wirksamer als ein Dolch. Einen Gedanken kann ich euch allerdings verraten, wobei der mir nicht wirklich Angst bereitet, sondern vielmehr ein mulmiges Gefühl. Wenn Riccardo es tatsächlich bis zum Großmeister schafft – und darüber hege ich nicht den geringsten Zweifel, sofern er nicht vorher ein gewaltsames Ende nimmt –, verfügt er uneingeschränkt über den Orden. Er hätte damit eine ungeheure Macht in den Händen und wäre auch gewillt, sie einzusetzen. In diesem Fall dürfte ich nicht länger Katz-und-Maus mit ihm spielen. Doch was bleibt mir noch, sobald ich ihn und den Orden vernichtet habe?

Leones Antworten werde ich laufend ergänzen.

Die Bücher lesen*

In diesen Romanen spielt Leone mit

Das Gift der Schlange
Der Schwur der Schlange

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