Lektüretipp: Das verbotene Verlangen des Earls

Du weißt ja, dass mein Herz für zwei Genres besonders laut schlägt: Für spannende Romane aus dem 18. Jahrhundert und für Gay Novels. Ich selbst trenne sie bislang, aber neulich entdeckte ich ein Buch, das meine beiden Leidenschaften verbindet. Gleich vorweg, „Das verbotene Verlangen des Earls“ ist kein Spannungsroman, sondern eine Romanze in historisierendem Gewand. Es kommen zwar spannende Szenen vor, du solltest dir aber nicht Rasanz erwarten, sondern eine Liebesgeschichte, die bei den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen alles andere als einfach ist. Und für eine Historomanze beeindruckte es mich.

Schon mit der ersten Szene versteht es Esther D. Jones, mich in die Geschichte zu ziehen. Die Paarung ist genretypisch (also historomanzentypisch), meine Sympathien gehören von Anfang an dem starken und in seiner Charakterzeichnung faszinierenden und überzeugenden Lucian Earl of Westminster, während Sebastian Earl of Broomfield den sanftmütigen und sensiblen Part übernehmen muss. Lucians innere Konflikte entsprechen der damaligen Gesellschaftsordnung und sind überzeugend dargestellt, der naiv-edle Sebastian hingegen scheint einem bürgerlichen Trauerspiel entsprungen – und zwar als weibliche Heldin in einem männlichen Körper. Natürlich gehört das zum Konzept des Romans, denn dieser falsch verstandene Edelmut verlangt ihm gewaltige persönliche Opfer ab, die zum Himmel schreien und genauso konstruiert sind wie die der bürgerlichen Trauerspielheldinnen, aber den Roman tragen. Und genauso wie im bürgerlichen Trauerspiel ärgerte ich mich maßlos über diesen hirnlosen Edelmut. Den bürgerlichen Heldinnen kann man noch ihre Erziehung zugute halten, aber einem Earl?

Die Geschichte ist sehr geradlinig erzählt. Ohne überraschende Wendungen und gefinkelte Twists ahnt man die nächsten drei Szenen und familiären Verflechtungen bereits voraus. An kniffligen Herausforderungen fehlt es dabei nicht, nur werden sie leider so einfach und schnell gemeistert, wie sie auftreten. Obwohl die Motivations- und Kausalitätsketten passen, mangelt es mir daher stellenweise an Plausibilität. So weigert sich etwa Sebastian aus Angst um seine Mutter den gewalttätigen Stiefvater zu fliehen, sobald ihn jedoch Lucian in Sicherheit bringt, kann die Mutter problemlos zwei weitere Tage im Einflussbereich des übergriffigen Mannes bleiben, und alles löst sich in Wohlgefallen auf. Auch der erste Geschlechtsakt des unerfahrenen Sebastian geht viel zu einfach über die Bühne.

So klischeehaft Figuren und Handlungsführung sind, so wohltuend hebt sich die Sprache von anderen Romanzen ab. Ester D. Jones erzählt höchst elegant und hat einen unglaublichen Wortschatz, es ist eine Freude, wie variantenreich sie banale Formulierungen vermeidet. Manchmal wird es allerdings zu viel und schrammt an der Grenze der Sprachverliebtheit und des Selbstzweckhaften. Vor allem den Dialogen tut das nicht gut, oftmals wirken sie unnatürlich und sehr gestelzt, wenngleich vermutlich der Versuch dahintersteht, eine authentische Sprache des 18. Jahrhunderts wiederzugeben.

Die zeitliche Verortung und mangelnde Authentizität ist leider die Schwachstelle in diesem Roman. Etliche Recherchefehler trübten mein Lesevergnügen, und wer eine Geschichte in einer konkreten Zeit ansiedelt, sollte diese Zeit auch stimmig und korrekt darstellen. Das beginnt bei der falschen Kleidung, geht weiter mit den Einkunftsquellen und dem bürgerlichen Geschäftsgebaren der Adligen und setzt sich fort bei Institutionen, die es zu dieser Zeit einfach noch nicht gab. Die Spielzeit ist zwar im Text mit 1770 angegeben, doch bei den Kategorien ist das Buch unter Regency eingeordnet. Auch die Ausstattung, das Coverbild und Zylinder (!) als Kapiteltrennung belegen, wie oberflächlich hier recherchiert wurde.

Warum ich dir den Roman trotzdem empfehle? Wenn du leichte Liebesromane magst, männliche Paare und dir ein historisches Ambiente gefällt, wirst du auf deine Kosten kommen. Ja, man merkt, dass die Autorin von der Romance kommt, aber die Sprache und die Kombination von 18. Jahrhundert und Gay Novel gehen deutlich über vergleichbare 08/15-Romanzen hinaus. Die Figuren sind sympathisch und haben Tiefe, Lucian hat sogar das Potenzial, mich noch jenseits der Buchdeckel zu beschäftigen. Die Geschichte ist weder Zucker noch Trash, sondern wirft interessante Fragestellungen auf. Ich konnte in diese Geschichte eintauchen, verliebte mich in Lucian und genoss so manch schöne Formulierung. Und zusammen mit den Tränen, die ich an einer Stelle vergoss, sind mir diese Umstände den vierten Stern wert.

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2018-05-17T22:41:06+00:00