In den Büchern können manche Protagonisten leider nie aufeinandertreffen, weil sie nicht nur in unterschiedlichen Zeiten, sondern auch in unterschiedlichen Reihen leben. Aber ich liebe dieses Spiel, sie abseits der offiziellen Wege aufeinandertreffen zu lassen. Falls du bereits ein Buch aus der Reihe „Shark Temptations“ gelesen hast, weißt du, dass Julian unheimlich auf Helden steht. Und dreimal darfst du raten, wer sein Lieblingsheld ist? Okay, das steht nicht im Buch, aber in seiner Facebookgruppe hat er sich geoutet 😉 Und für Julian ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Auf dem Wiener Christkindlmarkt mit Julian und dem Marchese

Julian war die paar Stationen vom Büro zum Rathausplatz mit der Straßenbahn gefahren. Nicht, weil er schlecht zu Fuß war, sondern weil er unbedingt pünktlich sein wollte. Wie oft hatte man schon die Gelegenheit, seinen Helden zu treffen? Heute Morgen hatte er extra noch mal seinen Bart gestutzt, seine Lieblingskrawatte umgebunden und im Büro hatte er sogar noch einmal Eau de Toilette aufgesprüht. Sehr zu Sylvies Erheiterung, aber das war ihm jetzt so was von egal. Die war bei Tolya schon so eine neugierige Wanze gewesen, was wäre wohl, wenn sie wüsste, mit wem er heute verabredet war? Mit einem fetten Grinsen überquerte er den Ring und blieb am Eingang zum Christkindlmarkt stehen.
Ausgerechnet zu dieser Kitschkulisse wollte sein Held? Rosa angestrahlte Bäume, Schönbrunn hätte doch viel besser zu ihm gepasst. Ruhig und elegant vor imperialer Kulisse, und im Schloss war sein Held bestimmt schon gewesen. Ein paar Jahrhunderte früher, aber immerhin. Wo war er überhaupt? Von der Universität her pilgerten kleine Grüppchen heran, die es sicher mehr auf den Punsch als auf Christbaumkugeln abgesehen hatten. Ein paar Pärchen, aber kein einzelner Mann. Auch nicht aus der anderen Richtung.
Und wenn er gar nicht zu Fuß kam? Julian achtete jetzt auf die Straßenbahnen, die spuckten im Minutentakt Christkindlmarktgeile in die kalte Abendluft. Ein Fiaker zuckelte auf der rechten Spur dahin und scherte sich einen Teufel um den abendlichen Berufsverkehr. Jetzt schwenkte er zum Burgtheater ein, und die Autofaher hinter ihm gaben sichtlich erleichtert Gas.

Wie bitte? Julian rieb sich die Augen, aber das war nicht nur der leichte Nebel und das diffuse Laternenlicht, das ihm einen Streich spielte. Dem Fiaker entstieg doch tatsächlich … Klar doch, ein Marchese aus dem 18. Jahrhundert musste nicht mit der Bim, sondern in einer Kutsche vorfahren. Mannomannomann! Er sah genauso aus wie im Buch! Auf dem Kopf ein Dreispitz, lange, schwarz glänzende Haare in Seitenlocken frisiert und im Nacken mit einer breiten Schleife zusammengefasst. Groß und schlank, und als er jetzt auf ihn zukam, wichen ihm die Leute ehrerbietig aus. Wiener wichen aus! Auf dem Christkindlmarkt, wo jeder jeden niederrannte! Julian winkte, um sich zu erkennen zu geben, und als der Marchese zwei Schritte vor ihm hielt, war Julians Mund vor Aufregung ganz trocken. Der Marchese reichte ihm nicht die Hand, sondern nickte nur vornehm, aber seine intensiv blauen Augen ruhten mit solch freundlichem Ernst auf Julian, dass es ihm ganz warm wurde, obwohl ihr Atem in der eiskalten Luft zu kleinen Wölkchen gefror. »Wollen wir?« Der Marchese schritt mit solcher Selbstverständlichkeit aus, dass man sich fragen konnte, wer hier der Wiener war und wer der Gast. Aber Spion war nun einmal Spion, und Julian beeilte sich, sich an seine Mantelschöße zu hängen. Metaphorisch gesprochen natürlich. Zu dumm, dass sein Held eindeutig am anderen Geschlecht interessiert war, er hätte da durchaus ein paar Ideen. Verstohlen linste er, ob an der Seite des Marchese ein Degen baumelte und den linken Mantelschoß ein wenig anhob, doch sein Held hatte seine Hausaufgaben sichtlich gemacht. Seit dem Terroranschlag in Berlin konnte man nicht einmal mehr ohne Bammel auf einen Weihnachtsmarkt gehen, die Polizei war bei Menschenaufläufen hypernervös, und einen Streit über eine scharfe Blankwaffe konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen. Auf den Degen hatte er verzichtet, aber das Messer befand sich ganz sicher in seinem Ärmel, darauf nahm Julian Gift.

»Nach links, zum 66er, dort gibt es den besten Punsch.«
»Und die größte Menschentraube.« Der Marchese bahnte ihnen einen Weg.
Ein paar Minuten später standen sie an einem Stehtisch, schlossen die Finger um die dampfenden Becher, und die Mischung aus Zucker, Beeren und Alkohol sowie die Nähe seines ganz persönlichen James Bond fuhr Julian angenehm ins Blut.
»Hey, pass gefälligst auf!« Ein Typ hatte ihn im Gedränge angerempelt und um ein Haar auf den Marchese geschubst. Nicht, dass er etwas gegen den Körperkontakt gehabt hätte, aber mit dem Marchese, nicht mit diesem Kerl, der sich jetzt zwischen zwei Mädels durchdrängte.
»Entschuldigen Sie mich einen Moment.«
Und schon war der Marchese weg. Mann, der war wirklich hinter jedem schönen Frauenzimmer her, denn er marschierte flott in Richtung der beiden Mädels. Oder doch nicht? Wen er jetzt nämlich stoppte, war der Rempler. Der regte sich prompt auf, die blauen Augen des Marchese funkelten ihn warnend an, und ehe Julian einschreiten konnte, griff der Marchese dem Typen in den Anorak. Ein letzter drohender Blick, der Typ zog mit eingekniffenem Schwanz Leine, und der Marchese ging zu Julian zurück. Beiläufig ließ er etwas in die beiden Handtaschen der Mädels gleiten, die dritte Brieftasche hielt er Julian hin.
»Ich denke, das gehört Ihnen. Lassen Sie uns weitergehen, wir haben etwas zu erledigen.«
Fassungslos steckte Julian seine Brieftasche ein. Er hatte wirklich nichts gespürt, außer dem Rempler. Wie hatte der Marchese das nur mitbekommen? Er nahm noch einen letzten Schluck von seinem Punsch, pfiff auf den Einsatz fürs Häferl, denn der Marchese war bereits unterwegs zu den Ständen mit Christbaumschmuck.
Ausgemacht war gewesen, dass Julian den ortskundigen Führer machte, jetzt dackelte er hinter seinem Helden her, versicherte sich alle paar Minuten, dass seine Brieftasche noch da war, und musterte den Kitsch, den sie hier sündhaft überteuert verscherbelten.
Der Marchese ignorierte alles, was aus Plastik war, ihn interessierten nur die handbemalten Glaskugeln.
»Wozu ist das alles gut?«
»Für Christbäume. Zum Schmücken.«
»Seltsame Bräuche.«
Julian erinnerte sich dunkel, dass man die Kugeln erst seit dem 19. Jahrhundert auf Christbäume hängte. Gerade drehte es ihm den Magen um angesichts eines besonders furchtbaren Engels mit viel zu viel Gold, Pausbäckchen und Keramikfirlefanz, als der Marchese mit dem Verkäufer handelseins wurde. Eine scheußliche Kugel, die mit viel zu viel Gekritzel versehen war, wurde sorgfältig in Füllmaterial und eine durchsichtige Schachtel verpackt. Ehrlich, nach den Büchern hätte er dem Marchese einen besseren Geschmack zugetraut.

Sie gingen in den Seitenbereich des Rathausparks, wo im Sommer der Springbrunnen plätscherte. Der Marchese nahm die Kugel vorsichtig aus der Verpackung und hielt sie in den Lichtschein einer Laterne.
»Ist das wirklich Ihr Ernst? Ich will ja nichts sagen, aber ich finde die Kugel scheußlich.«
»Sie haben einen Zwischenschritt eingebaut.«
»Was für einen Zwischenschritt? Und wer sind sie?«
»Die Vorfahren unserer Autorin. Wir brauchen Papier.«
Na super, wer kam schon auf die Idee, dass man beim Treffen mit dem Marchese ein Notizbuch benötigen würde? Also stürzten sie sich abermals ins Getümmel. Ignorierten den Duft von Maroni und Ofenkartoffeln, verzichteten auf einen zweiten Punsch, weil der Marchese erklärte, dass sie klar denken mussten, und der Marchese lotste Julian erst von einem Seifensiederstand, dann vom Honig und den Bienenwachskerzen weg, bis er endlich bei einem kleinen Stand fündig wurde. Handgeschöpftes Papier, so etwas sah Julian immer nur auf den Weihnachtsmärkten. Julian kaufte kurzerhand noch ein paar Bögen für sich selbst, oder besser gesagt für einen ganz besonderen Liebesbrief.
Mit ihren Erwerbungen zogen sie sich ein weiteres Mal zum Springbrunnen zurück, und Julian beobachtete, wie der Marchese die Kugel drehte, das scheußliche Gekritzel entzifferte, irgendwelche ultrageheimen Berechnungen anstellte, die nur einem Spion und der Familie ihrer Autorin einfallen konnten, und dann mit seiner schwungvollen Handschrift etwas aufs Büttenpapier übertrug. Schließlich reichte er Julian den Bogen. Großartig, zum Glück hatte Julian im Germanistikstudium die alte deutsche Schrift lernen müssen, sonst wäre das für ihn genauso kryptisch gewesen wie die potthässliche Christbaumkugel.
»Was soll ich damit?«
»Mit dieser seltsamen Post senden, die Ihre Zeitgenossen statt Briefen verwenden.«
»E-Mails?«
»Ich würde ja einen Kurier losschicken, wenn ich wüsste, wohin.«
»Kein Problem, wir liefern das direkt ins elektronische Postfach. Oder ich habe da eine noch bessere Idee.«
Und so kam es, dass Julian dir dieses Rezept auf meinen Blog stellte:

 

Die weltbesten Vanillekipferl – exklusiv für alle Fans von Barbara Drucker und B.D. Winter

Unter Einsatz vereinter Kräfte für dich beschafft von Julian Melnik und Riccardo Visconti Marchese della Motta

14 dag Haselnüsse, ¼ kg Butter, 3 Packerl Vanillezucker, 1 Packerl Backpulver, 30 dag Mehl, 14 dag Zucker, 1 Ei, Staubzucker Nüsse im Backrohr rösten, schälen, reiben (für die ganz Faulen: fertige geriebene Haselnüsse kaufen, aber dann werden es nur die zweitbesten Vanillekipferl)
Mehl, Zucker, 1 Vanillezucker, Nüsse, Backpulver, Butter kalt hineinbröckeln, verbröseln, Ei dazu, kneten
½ Stunde im Kühlschrank rasten lassen
Kipferl formen, bei 200° (oder Umluft 160°) 10 Minuten backen, heiß im Staubzucker und Vanillezucker wuzeln
Backblech vor jeder neuen Fuhre kalt abwaschen

(Kleiner Hinweis für Nicht-Österreicher: dag ist die Abkürzung für Dekagramm, 10 dag = 100 g)

Heißer Tipp von Julian: Unbedingt die doppelte Menge machen, weil die wirklich megagut sind. Und am besten in einer Suppenschüssel aus Porzellan an einem kühlen Ort aufbewahren. Und beim Naschen mit der Zunge am Gaumen zerdrücken 😉

 

Foto: © Rajen1980 – Depositphotos.com